Jetzt ist der Tag gekommen, Raceday. Mein erster IRONMAN steht an. Wochen der Vorbereitung liegen hinter mir, ein großes Rennen vor mir.

Nach einer kurzen Nacht bin ich um 4:30 Uhr mit einem kleinen Frühstück gestartet, etwas leichtes, Toast mit Butter und Marmelade, ein Espresso dazu und viel Wasser. Eigentlich habe ich gut geschlafen, aber jetzt kommt die Nervosität.

Im Aufzug ein Selfie, aber hier sieht man schon die ganze Nervosität. Die 800m zum Start geht es erstmal durch die Menschenleere Fußgängerzone in Calella. Aber je näher ich dem Startbereich komme sind immer mehr Menschen auf den Straßen in angespannter Ruhe. Alle strömen zur Wechselzone. 

Dort ist bereits hektisches Treiben, jeder macht noch mal einen letzten Bikecheck, füllt seine Flaschen auf und zieht seinen Neopren an. Ich bin erstmal an den Strand und habe mir in Ruhe das Meer angeschaut, es schaut friedlich aus. Und die Rettungskräfte sind auch gut vorbereitet und einsatzklar.

Mein Fahrrad hat die Nacht auch gut überstanden. Alles steht noch wie am Vorabend. die letzten Vorbereitungen gehen schnell. Getränke und Gels auffüllen. Fahrradcomputer befestigen und Neopren langsam anziehen. Jetzt brauche ich nur noch meine Badekappe und Schwimmbrille. 

Ich habe versucht eine ruhige Ecke zu finden um mich warm zu machen, Chancenlos. Deswegen bin ich nochmal an den Strand. Dieser füllt sich langsam mit Zuschauern, und meine Nervosität wird größer. 

Gegen 8 Uhr gehe ich zurück in die Wechselzone, Neopren schließen und ab in die Startzone. Ich sortiere mich mit vielen anderen Startern in die 1.15h Zielzeitbox. Das ich hier stehe empfinde ich immer noch unglaublich. Wenn ich vor einer Disziplin maximal Respekt habe, teilweise sogar Panik, dann ist es Schwimmen im Meer, und dann noch über 3.800m. Ich war vorgestern das erste Mal überhaupt im Meer zum Schwimmen. Es ist aber weiterhin die große Unbekannte. Danke an die lieben Personen, die mir positive Gedanken in den Kopf für diese Teilstrecke gesetzt haben. Ohne Euch würde ich jetzt hier nicht reinspringen. Die Anspannung steigt, ich habe jetzt bereits 24x meine Badekappe gerichtet und 5x die Schwimmbrille an- und ausgezogen. 

Aber jetzt beginnt die Show, das Rennen. Punkt 8 Uhr beginnt der Moderator mit seinem Programm. Begrüßung, Leute animieren und runterzählen bis zum Start der Profis um 8:05 Uhr. Der Startschuss fällt, jetzt geht es los. 

Dank des Rolling Starts geht es ab 8:15 Uhr los für die Amateure. in 6er Reihen werden alle 5 Sekunden die Teilnehmer ins Meer gelassen. 10m kurzer Sprint und rein, entzerrt das Schwimmen perfekt.

Aber zuvor geht es an den Zuschauern vorbei, langsam fällt die Anspannung bei mir ab. Die Vorfreude steigt…

8:33 Uhr ist es dann soweit, ich starte ins Wasser. Jetzt gibt es kein zurück mehr. Ein kurzer Sprint und ich bin im 21 Grad warmen Mittelmeer. Ein tolles Gefühl, die Sonne geht auf und ich beginne meine große Reise. Die ersten Züge fühlen sich gut an. Ich spüre eine große Sicherheit, fühle eine gute Wasserlage und denke auch genug Druck in den Zug zu bekommen.

Die Bojen sind gut zu sehen, und ungefähr in einem Abstand von 100m. Überraschenderweise ist das Meer entgegen meiner Erwartung in 300m, wo die erste Boje uns auf den Weg parallel zur Küste schickt, nur ca. 1.50m tief und man hat klaren Blick auf den Boden. Das gefällt mir.

Die Wellen sind deutlich zu spüren, aber es ist relativ ruhig. Es schwimmt sich hervorragend. Und es macht Spaß. Um mich ein wenig abzulenken Schwimme ich von Boje zu Boje einen anderen Atemzug, 2er, 3er, 4er-2er im Wechsel. Abwechslung das ganze Rennen. Nach 1.500m schaue ich das erste Mal auf meine Uhr, ungefähr 25min., das ist eine Bombenzeit für mich. Meine Motivation und meine Lust steigen weiter. Ich fühle mich richtig wohl beim Schwimmen. Da hätte ich vorher nicht geglaubt.

Der Wendepunkt nach 2.100m ist schnell erreicht, jetzt nur noch zurück. Ich fühle mich immer besser, mit einem Auge auch immer ein Blick auf meine Uhr. Jetzt schwimmen sogar 2-3 Quallen direkt an meinem Kopf vorbei, es stört mich nicht. Werde ich meine Zielzeit erreichen, oder sogar toppen?

Nach exakt 1:10:57 hatte ich Gewissheit, ich habe eine perfekte erste Disziplin für mich hingelegt. Ich habe das Schwimmen geschafft, und noch besser, durchgängig in Kraul – Premiere. 10min. besser als geplant, den in meiner Prognose ging ich von 1:20 aus.

Ich denke meine gute Laune kann man mir ansehen auf dem Weg in die Wechselzone. Mit einem lächeln geht es den Strand hoch zur Dusche, Salz abspülen und etwas trinken. Frisches Wasser, denn Salzwasser hatte ich jetzt bereits genug in mir. Als nächstes steht die Vorbereitung auf die nächste Disziplin an. 180 km Rad.

Im Wechselzelt lasse ich mir Zeit. Erstmal Neo aus, Socken an, Trocknen. In Ruhe 2 Gels. Und einen halben Liter Apfelsaftschorle. So stehen final 7:50 als Aufenthaltszeit dann auf der Uhr. Aber in der Ruhe liegt die Kraft. Einige, die mich im Ticker verfolgt haben hatten sich bereits Sorgen gemacht. War nicht meine Absicht. Entschuldigung dafür.

Jetzt ging es mit dem Rad auf eine 180 km Tour entlang der Küste, mit einem Abstecher ins Landesinnere. Die Strecke wurde in 2 Runden gefahren. An sich eine sehr flache Tour mit ein paar Hügeln aber sehr sehr vielen Kreiseln. 

Meine längste Tour waren in der Vorbereitung 86 km, ansonsten viel Rolle mit HIT Einheiten, maximal 2h. Ob das gut geht?

In der ersten Runde habe ich mich eigentlich sehr gut gefühlt, vielleicht etwas spät mit dem ernähren angefangen, dafür aber an jeder Verpflegungsstation zusätzlich Bananen oder Müsliriegel zu mir genommen. Auf den Bildern sieht man mich auch in der Regel lächelnd vorbeifahren, jedenfalls bei den Kameras. 

Die Beine fühlten sich aber gut an, und ich blieb in meinem Geschwindigkeits- und Watt-Fenster. Die Strecke war komplett voll über die 90 km, d.h. Windschatten war fast nie zu vermeiden, und überholen innerhalb von 25s bedeutete in der Regel 5-6 Kollegen am Stück zu überholen.

Auf der 2. Runde begann dann das Kopfkino, jetzt kommt eine Distanz die ich noch nie gefahren bin, halten die Reifen, schafft es der Körper, fängt es an zu regnen. Fragen über Fragen, aber immer im Hinterkopf, dass es immer weniger Kilometer werden.

Aber dann war es soweit, 50 km vor dem Ziel, also mitten auf der 2. Runde plötzlich Oberschenkelkrämpfe. Mist, nicht schon jetzt. Das Schlimme daran, sie kamen immer beim Entlasten, also auch bergab rollen lassen war nicht mehr drin. Der einzige Weg war gleichmäßiges und rundes Treten.

Das musste ich jetzt ausblenden, jede Verpflegungsstation jetzt Vollverpflegung, 500ml ISO, Bananen und Müsliriegel. Dazu mein hochkonzentriertes Maurten Getränk. Durchhalten um jeden Preis.

Dann war es endlich soweit, die letzten 10 km standen an. Jetzt ging es wieder durch viele Zuschauer in die Stadt hinein, Motivation pur. Und im Kopf war wieder alles auf positiv getrimmt. Mit 5:34 h und einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 32,3 km/h habe ich die zweite Disziplin beendet, genau im Plan.

Beim Sprint durch die Wechselzone und mit wackligen Beinen treffe ich jetzt auch erstmals bewusst auf meine beiden Vor-Ort Supporter Ingrid und Lisa. Das bringt noch mal einen Extra Schub Motivation, denn ich bin jetzt seit knapp 7h alleine auf mich gestellt. Schön auf bekannte Gesichter zu treffen, jetzt weiß ich wieder, ich bin hier nicht alleine.

Aus dem Wechselzelt raus auf die Laufstrecke, jetzt nur noch ein Marathon. Aus jetziger Sicht eine Horrorvorstellung. Aber immerhin habe ich ja schon mal einen durchgezogen. Jetzt müssen nur noch die Krämpfe weggehen und die Beine durchhalten. Aber ich freue mich drauf, denn es ist meine Lieblingsdisziplin. 3 Runden mit je 14 km in Calella entlang am Strand und in der Stadt. 3 Runden, die je grob meiner geliebten Top-Gun Runde entsprechen. 

Die erste Runde lief perfekt, ich war in perfekter Laufpace (4:45min/km) und mit gutem Gefühl unterwegs. Die Beine spielten mit, der Krampf war nach 2-3 km rausgelaufen. Mein Optimismus steigt, noch 2 Runden und toller Support von vielen Menschen am Rand, jedenfalls auf den 5 km in Zielnähe.

Auf der zweiten Runde ging es auch erstmal gut los. Auf dem Weg nach draußen, raus aus der Stadt war noch alles gut. An jeder Verpflegungsstation gut versorgt, und laufend dran vorbei. Alle 2,5 km war eine, sehr vorbildlich. Aber ab dem Wendepunkt, bei Kilometer 25 ging es bergab. Ich stehe das erste mal, ich bin einfach platt. Aber da ich sowieso einen Boxenstop einlegen wollte, konnte ich hier kurz halten. An dieser Verpflegungsstation verweile ich 1-2 Minuten. Das wieder anlaufen fällt mir schwer, der Kopf ist voller Gedanken, erstmals kommen die Gedanken hoch „schaff ich das…“ Ich quäle mich zurück in die Stadt, hier stehen endlich wieder Zuschauer, und die pushen einen wirklich. Ich schleiche um den Wendepunkt. Dort gibt es dann 2 Ausgänge, links auf Runde 3 und rechts ins Ziel. Aber da darf ich noch nicht hin. 

Also ab auf Runde 3, ich bin mental am Ende. Ich bekomme die anfeuernden Rufe der Zuschauer zwar mit, aber ich kann nur noch leicht zurücklächeln. Ich werde immer langsamer, muss immer öfter kurze Laufpausen einlegen und ein paar Meter spazieren. Jetzt wird es zäh. Noch 12 Kilometer. 

Die Runde zieht sich immer länger bis zum äußertes Wendepunkt, jetzt nehm ich mir nur noch Teilziele. Aber das Schlimmste für mich, ich kann nichts mehr aufnehmen, kein ISO, keine Cola, kein Obst und kein Wasser. Mein Tank läuft also leer, jeder Meter wird nun zur Hölle. Am Wendepunkt eine letzte Pause. 2 Minuten stehe ich da und starre in die Ferne. Auf der linken Schulter sitzt ein Engel, auf der rechten Schulter der Teufel. Engel sagt: Nur noch 7 Kilometer, los du schaffst das, Teufel schreit: Bleib einfach stehen, hier ist es schön, und ruh dich aus. Quäl dich nicht weiter.

Aber ratet mal auf wen ich höre, natürlich auf den Engel 🙂 Der Entschluss steht, die letzten 7 Kilometer läufst du so schnell wie möglich, du genießt jeden Schritt, 7 Kilometer noch für deinen Traum. Ohne Gehpause und mit einem lächeln.

Gesagt, getan, ich laufe wieder an. Es sind keine Schmerzen die ich spüre, die Beine sind ok. Aber der ganze Körper ist irgendwie erschöpft. Aber ich kenne jetzt jeden Schritt, Kilometer für Kilometer wird meine Euphorie größer. Ich werde zwar nicht schneller, aber ich entspanne immer mehr. Die Zuschauer nehm ich jetzt noch intensiver wahr, und es treibt einfach an. Danke an alle am Streckenrand, ihr ward der Wahnsinn. 

Noch 1 Kilometer, ich sehe schon den Zielbereich, ich weiß genau, am nächsten Wendepunkt rechts ab, ab auf den roten Teppich mit der tollen Beleuchtung. Und da ist der Moment, ich biege ab. Der Moment wo ich etwas mehr als ein Jahr darauf hingearbeitet habe, auf vieles verzichtet habe, meine Familie viele Kompromisse eingehen musste.

Ich laufe den roten Teppich entlang, die ganze Last fällt ab. Und da sind die magischen Worte: „Kai from Germany, you are an IRONMAN“. Wahnsinnige Emotionen kommen hoch, ich denke man sieht es auf den Bildern. Ich bin im Ziel, ich bin ein IRONMAN.

Die Uhr zeigt: 11:20:42, es ist 19:54 Uhr Ortszeit. Ich bin einfach nur glücklich.

Jetzt heißt es aber erstmal erholen, duschen, essen und feiern …

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