Das Rennen

Manchmal entsteht der größte Fortschritt nicht dadurch, dass wir mehr leisten. Sondern dadurch, dass wir im entscheidenden Moment das Richtige tun.

Das Foto zeigt mich auf den letzten Metern des Allgäu Panorama Marathons in Sonthofen. Nach 42,2 Kilometern, laut meiner Aufzeichnung knapp 1.600 Höhenmetern und Temperaturen von bis zu 34 Grad laufe ich lächelnd in Richtung Ziel.

Ein Jahr zuvor sah das noch anders aus.

2025 hatte ich für dieselbe Strecke 5:38:27 Stunden benötigt. Vor allem die letzten Kilometer waren zu einer Mischung aus Laufen, Gehen und Durchhalten geworden. Im Ziel war mein erster Gedanke: Das brauche ich kein zweites Mal.

Am 9. August 2026 stand ich trotzdem wieder am Start. Dieses Mal erreichte ich das Ziel nach 4:56:46 Stunden – und damit erstmals unter fünf Stunden.

41 Minuten und 41 Sekunden schneller als im Vorjahr.

Keine perfekte Vorbereitung

Diese Verbesserung war nicht das Ergebnis eines perfekten Trainingssommers. Dafür war in den Wochen vor dem Rennen schlicht zu viel passiert: mein Umzug nach Fürstenfeldbruck, hohe berufliche Belastung, eine Reise nach Tokio und die Teilnahme an der Challenge Roth als Staffel-Radfahrer über 180 Kilometer.

Es gab gute Trainingswochen, aber ebenso Wochen, in denen deutlich weniger möglich war als geplant.

Der entscheidende Unterschied lag deshalb nicht in einer wesentlich besseren körperlichen Vorbereitung. Er lag in der Analyse des Vorjahres – und in der Disziplin, die daraus gewonnenen Erkenntnisse tatsächlich umzusetzen.

Die Wahrheit steckte in den Daten

Eine Woche vor dem Rennen analysierte ich meine Aufzeichnung aus dem Jahr 2025 noch einmal detailliert. Nicht nur die Gesamtzeit, sondern jeden Kilometer, die Herzfrequenz und das Höhenprofil.

Dabei erkannte ich ein wiederkehrendes Muster.

Ich war auf den ersten beiden, noch flachen Kilometern zu schnell angelaufen. Als der lange Hauptanstieg begann, war meine Herzfrequenz bereits deutlich zu hoch. Später hatte ich auf dem langen Gefälle zu viel Tempo aufgenommen und dadurch meine Oberschenkel muskulär überlastet.

Die Konsequenz zeigte sich auf den letzten flachen Kilometern: Mein Herz-Kreislauf-System hätte noch Leistung liefern können, aber meine Beine waren dazu nicht mehr in der Lage.

Das Problem war also nicht fehlende Ausdauer. Es war die falsche Verteilung der vorhandenen Ressourcen.

Drei klare Regeln

Aus der Analyse entstand kein komplizierter Rennplan, sondern drei einfache Regeln:

  1. Die ersten beiden Kilometer bewusst langsam beginnen – auch wenn fast alle anderen Läufer vorbeiziehen.
  2. Im Anstieg ab einer festgelegten Herzfrequenz konsequent gehen.
  3. Das lange Gefälle technisch kontrolliert und mit kurzen Schritten laufen, anstatt sich vom vermeintlich leichten Tempo verführen zu lassen.

Diese Regeln wirkten zunächst defensiv. Tatsächlich machten sie mich über die gesamte Distanz schneller.

Ich begann die ersten beiden Kilometer lediglich 28 Sekunden langsamer als im Vorjahr, erreichte den Beginn des Anstiegs aber mit einer deutlich niedrigeren Herzfrequenz. Obwohl ich an den steilen Passagen bewusst Gehpausen einlegte, bewältigte ich den Hauptanstieg fast vier Minuten schneller.

Auch bergab war ich schneller – nicht weil ich aggressiver lief, sondern weil ich dort mit ausreichend Reserven ankam.

Den größten Zeitgewinn erzielte ich schließlich auf den letzten zwölf Kilometern: fast 25 Minuten gegenüber dem Vorjahr. Genau dort, wo der Körper 2025 kaum noch leistungsfähig gewesen war, konnte ich dieses Mal trotz der enormen Hitze weiterarbeiten.

Schnell beginnen ist nicht dasselbe wie schnell sein

Diese Erfahrung lässt sich nicht eins zu eins auf das Berufsleben übertragen. Dennoch erkenne ich darin ein Muster, das mir auch in meiner Arbeit als Führungskraft regelmäßig begegnet.

Ein schneller Start erzeugt Aufmerksamkeit. Viele sofort begonnene Aktivitäten vermitteln Dynamik. Doch entscheidend ist nicht, wer auf den ersten Kilometern vorne liegt, sondern ob Strategie, Ressourcen und Belastbarkeit bis zum Ziel zusammenpassen.

Lokale Höchstleistung kann das Gesamtsystem schwächen.

Wer einen Anstieg unbedingt laufend bewältigen will, obwohl effizientes Gehen schneller wäre, verteidigt vor allem sein Selbstbild. Wer in einem Projekt jede kurzfristige Gelegenheit verfolgt, riskiert auf ähnliche Weise, die entscheidenden Ressourcen zu früh zu verbrauchen.

Gute Führung bedeutet für mich deshalb auch:

  • Daten ernst zu nehmen, selbst wenn sie der eigenen Wahrnehmung widersprechen.
  • Geschwindigkeit bewusst zu reduzieren, wenn dadurch das Gesamtziel sicherer oder schneller erreicht wird.
  • Entscheidungen nicht danach zu bewerten, wie sie im Moment aussehen, sondern welche Wirkung sie über die gesamte Strecke entfalten.
  • An einer einmal getroffenen Strategie festzuhalten, während andere scheinbar davonziehen.

Gerade der letzte Punkt verlangt Disziplin. Am Start fühlt es sich nicht gut an, wenn zahlreiche Läufer überholen. Rational weiß man, dass es Teil des Plans ist. Emotional entsteht trotzdem der Impuls, das Tempo zu erhöhen.

Strategie zeigt sich genau in solchen Momenten: nicht beim Erstellen eines Plans, sondern beim Festhalten daran, wenn das Umfeld Druck erzeugt.

Was dieses Zielfoto für mich bedeutet

Das Lächeln auf dem Foto steht deshalb nicht nur für eine neue persönliche Bestzeit auf dieser Strecke. Es steht für die Erkenntnis, dass Fortschritt nicht immer aus mehr Einsatz entsteht.

Manchmal liegt der größte Hebel darin, ein bekanntes Problem präziser zu analysieren, wenige klare Regeln abzuleiten und diese konsequent umzusetzen.

Ich war an diesem Tag nicht einfach nur besser trainiert. Ich bin ein besseres Rennen gelaufen.

Und vielleicht ist genau das eine der wichtigsten Lektionen aus Sport und Führung: Nicht maximale Leistung zu jedem Zeitpunkt entscheidet über den Erfolg, sondern die Fähigkeit, die verfügbare Leistung zur richtigen Zeit richtig einzusetzen.

Den ausführlichen Rennbericht mit Streckenanalyse, Kilometersplits und dem Vergleich zu 2025 gibt es auf TriathlonXperience.

Weitere Informationen zu den verschiedenen Distanzen und zum besonderen Charakter der Veranstaltung bietet die offizielle Homepage des Allgäu Panorama Marathons.

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